Das Leben mit Kindern

Wenn wir viel Zeit mit Kindern verbringen, erleben wir großartige Momente der Freude, des Staunens, der Liebe und Zärtlichkeit, des Spielens und des Verbundenseins. Und wir erleben, dass dieses Zusammensein sehr herausfordernd sein kann, manchmal stressig und konfliktgeladen. Dann fühlen wir uns erschöpft, verununsichert, wütend oder traurig. All dies ist ganz normal. Es gehört zum Leben dazu. In der Familie, in der Kita, in der Schule ... Wenn wir bewusst und achtsam miteinander umgehen, gelingt es uns leichter, dieses Auf und Ab an Emotionen, dieses unplanbare, chaotische Leben, diese aufregende Zeit als Bereicherung zu erleben, als Chance miteinander und aneinander zu wachsen.

„Achtsame Elternschaft ist der härteste Job auf der Welt, aber er hat ebenso das Potential für die tiefste Art der Befriedigung und Zufriedenheit für das gesamte Leben, Potential für die größten Gefühle der Verbundenheit, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.“

Jon Kabat-Zinn

Selbstfürsorge

Wenn meine Schale gut gefüllt ist, kann ich davon anderen geben. Wenn meine Schale fast leer ist und ich trotzdem weiter gebe, leide ich selbst und die Qualität dessen, was ich gebe.

 

Selbstfürsorge ist für alle Menschen wichtig, insbesondere aber für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, Menschen, die für andere Menschen da sind. Daher üben wir bei der Achtsamkeit immer als erstes auch für uns Sorge zu tragen. Wir fragen, wie geht es mir eigentlich gerade oder was brauche ich jetzt gerade? Wir wenden uns uns selbst freundlich und mitfühlend zu und sind uns selbst der beste Freund. Wir sprechen liebevoll mit uns selbst - nicht überkritisch. Wir vergeben uns, wenn wir es hätten besser machen können, jeder macht Fehler und daraus lernen wir. Dieser freundliche Umgang mit sich selbst ist nicht selbstverständlich, wenngleich das natürlichste auf der Welt. Unsere Erziehung hat uns oft eine sehr kritische innere Stimme verliehen, diese gilt es achtsam zu wandeln.

 

Warum Achtsamkeit

Achtsamkeit ist eine angeborene Fähigkeit, die jeder Mensch hat. Die meisten Menschen sind sich dessen nicht bewusst oder haben Schwierigkeiten diese Fähigkeit im Alltag zu nutzen. Man kann die Achtsamkeit aber wieder erlernen und gewinnt dadurch einen friedlichen, liebevollen und akzeptierenden Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und den Ereignissen des Lebens gegenüber.

Achtsamkeit kann ganz einfach geübt werden durch ein bewusstes Ein- und Ausatmen. Weiter können einen Meditationen, Körperübungen und bewusstes Wahrnehmen von Emotionen und Gedanken unterstützen. Austausch und Gespräche mit anderen Übenden oder dem Lehrenden klären die eigene Situation. Gemeinsam kann man aufdecken, was der wahre Grund für den empfundenen Stress ist, was einen verunsichert oder daran hindert mitfühlend zu sein. Gleichzeitig hilft einem der Austausch zu erkennen, wo bereits vorhandene Ressourcen sind, die uns Kraft und Ruhe im Alltag spenden, und welche Möglichkeiten es für einen persönlich gibt, Veränderungen anzugehen.

Durch eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis entsteht eine psychische Flexibilität, eine innere Ruhe und Frieden - so wird eine liebevolle Zuwendung zu sich selbst und zu anderen möglich, auch wenn das Umfeld gerade stessig ist. Viele Übungen aus der Achtsamkeit bewirken erholsame Entspannungszustände (Meditation, Bodyscan, Atemübungen). Wenn wir nicht mehr im automatischen Reaktionsmuster gefangen sind, bekommen wir wieder mehr Kontakt zu unserer inneren Weisheit, bekommen klärende Einsichten und können bewusst und weise handeln.

Eine Definition von Achtsamkeit

Achtsam zu sein bedeutet, voll und ganz präsent zu sein im gegenwärtigen Moment. Wir fokussieren uns auf das, was gerade bei uns da ist: ein Gefühl, ein Gedanke, eine körperliche Reaktion in uns. Wir verbinden uns ausgehend von dem Kontakt zu uns selbst mit der gegenwärtigen Situation und sehen und spüren, wie geht es meinem Gegenüber, was braucht das Kind wirklich, was versucht mir mein Partner/Kollege gerade zu vermitteln. Wie versuche ich so vorurteilslos wie möglich anzunehmen, nicht sofort zu urteilen oder zu reagieren, sondern für einen Moment innezuhalten & zu schauen - was brauchen wir gerade? Was ist gerade wichtig? Welche Möglichkeiten gibt es?

Wie achtsamkeit wirkt

Wenn wir achtsamer werden, bemerken wir schneller, wenn wir aus einem erlernten, automatischen Reaktionsmuster heraus reagieren. Wir können stoppen und zu einer bewussten, angemessenen Antwort auf den Impuls finden. Von Mal zu Mal wird dies einfacher, das Gehirn verändert sich und bildet neue, für uns gesündere und heilsame Muster. Damit tun wir uns selbst und den Kindern Gutes. Für die Kinder ist diese Impulskontrolle essentiell und unterstützt sie, gar nicht erst unheilsame Muster zu entwickeln.

 

Reiz --> automatische Reaktion

Reiz --> achtsamer Moment --> bewusste Antwort

 

Achtsamkeit für Kinder

Kinder spielen und verweilen oft mit Hingabe und in sich versunken. Hingabe hat viel mit Achtsamkeit zu tun. Kinder in ihrer Achtsamkeit zu unterstützen, sie zu bewahren und zu fördern ist die Aufgabe der betreuenden Erwachsenen. Dazu braucht es achtsame Erwachsene. Spezielle Übungen für Körper und Geist kommen an zweiter Stelle, werden aber mit zunehmendem Alter der Kinder relevanter.

 

Kinder stehen wie wir unter dem Einfluss der Umgebung, doch sie nehmen alles erstmal ungefiltert auf und werden unmittelbar geprägt.

Sie haben ein gesundes innewohnendes System, das regulierend und unterstützend wirkt und das wir bewahren müssen. Ihre innere Weisheit ist sehr aktiv und wenn wir sie lassen, werden sie von allein wachsen und Resilienz (Widerstandskraft) gegenüber allem stressigen entwickeln.

 

In dem Moment, wenn Kinder in die Kita oder in die Schule kommen, werden sie mit vielen neuen Eindrücken konfrontiert. Sie beginnen stärker zu vergleichen und zu bewerten, was ihre Wahrnehmung von sich selbst und von der Welt verändert. In unserer schnellebigen und von Technologien geprägten Welt sind sie besonders oft abgelenkt und finden weniger leicht in ihre Mitte. In der Pubertät geht dieser Prozess emotional noch einmal durcheinander.

 

Für Kinder ist es hilfreich, wenn sie einen Ort in sich kennen, der sicher ist, an dem sie vollkommen ok sind, an dem sie unverletzbar und gut sind, egal, was die anderen sagen. Durch den achtsamen Umgang erfahren sie, wie wohltuhend es sein kann, bei starken Emotionen für einen Moment die Augen zu schließen, tief zu Atmen und die Gefühle anzuerkennen und auszuhalten, anstatt sie zu verdrängen oder z.B. Verletztheit in Wut zu verwandeln. Für ein Kind ist es sehr wertvoll, die innere Stille und die wache Präsenz zu kennen und abrufen zu können, wenn es für sie unterstützend ist.

 

Wir können Jugendliche dahinführen, die achtsame Haltung als ein wunderbares Werkzeug zu entdecken. Sie bleiben gesund und werden zu einem ausgeglichenen, zufriedenen, kreativen Mitglied der Gesellschaft. Durch die Achtsamkeitsübungen erfahren sie Unterstützung beim Lernen, im Umgang mit Stress, mit starken Gefühlen, mit Ängsten oder Süchten.

 

„Kinder drücken unsere Knöpfe. Als Eltern reagieren wir meist mehr so, wie wir selbst erzogen wurden als so, wie unsere inneren Werte oder unser wahres Wesen reagieren würde. Die Hälfte der Arbeit bei der achtsamen Elternschaft ist es, aufmerksam auf diese alten Muster zu sein, die so oft unser Verhalten als Eltern steuern. Diese Muster kommen tief aus unseren nicht selten schmerzlichen Erfahrungen in der Vergangenheit und haben nichts damit zu tun, was in dem Moment wirklich passiert. Das wunderbare Geschenk der Achtsamkeit ist, dass wir innehalten können und uns selbst fragen können: Was fühle ich gerade? Wie wäre das jetzt aus Sicht meines Kindes? Wenn wir das tun, sehen wir oft Dinge, die wir vorher nicht gesehen haben, weil wir so gefangen waren in dem reaktiven Modus, dem Autopiloten, der uns so begrenzt.“

Myla Kabat-Zinn

Beispiele für achtsamkeit in der Familie                                                               IM KINDERgarten & in der schule

Achtsamkeitsübungen mit Kindern

Hier geben wir einen kleinen Eindruck, was möglich ist, welche Übungen bei den Kindern beliebt sind und was wir in unseren Seminare vermitteln:

  • "Die Blume" ähnelt der Sitzmeditation, dabei werden die Hände auf den Knien mit Handfläche nach oben abgelegt und im Rhythmus des natürlichen Atems geöffnet und geschlossen (ab 8 Jahre, Dauer 2 Min.)
  • "König der Ruhe" ähnelt der Sitzmeditation, dabei ist der Körper still, der Fokus ruht auf dem Atem, wenn Geräusche oder Gedanken ablenken, kehren wir wieder zum Atem zurück (ab 8 Jahre, Dauer 2 Min.)
  • Über Gefühle sprechen: Eine Glasschüssel in die Mitte, jeder sucht sich ein Glitzerpulver aus, nacheinander sagt jeder wie es ihm heute morgen ging und streut den Glitzer hinein; anschließend wird umgerührt - die Emotionen sind wild und verstellen unseren klaren Blick. Nach und nach senkt sich der Glitzer, wir betrachten es in Stille, der Kopf wird klar, das Herz beruhigt. (ab 5 Jahre, Dauer je nach Teilnehmerzahl ca 30 Min)
  • Achtsames Essen: wir nehmen uns die Zeit, ein Nahrungsmittel ganz genau zu erforschen (Form, Farbe, Geruch, Konsitenz, Geschmack), z.B. eine Mandarine oder Rosine oder Erdbeere. Jeder teilt seine Erfahrung mit.
  • Bodyscan, im Liegen geführte Reise durch den Körper, von ruhigem Atem begleitet (ab 6 Jahre, bis zu 30 Min.)
  • Hand auf den Bauch: Wir legen uns selbst oder dem anderen eine Hand auf den Bauch und beobachten gemeinsam wie der Atem die Bauchdecke hebt und senkt (ab 4 Jahre, 2-4 Min.)
  • bewusstes Zähneputzen, Duschen, Wäsche aufhängen, Kochen
  • achtsamer Dialog, einer spricht über eine Erfahrung & der andere hört zu ohne dazwischen zu reden oder Fragen zu stellen, danach spricht der andere über seine Erfahrung; die Erfahrungen werden nicht bewertet, sondern es wird ihnen einfach nur Raum gegeben

Alle Übungen können sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen gemacht werden, gemeinsam oder allein. Entscheidend ist nicht nur die Ausführung der Übung, sondern besonders wie sie angeleitet wird. Am besten lässt man sich das einmal zeigen und übt dann selbst eine Weile, dann kann man mit Schwieirgkeiten, Widerständen, auftauchenden Fragen besser umgehen.